Ramona Pop: „Wir brauchen immer noch mehr Gründerinnen, aber der Aufholprozess hat begonnen“

Die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop setzt sich aktiv dafür ein, Frauen in der Wirtschaft zu fördern und zu empowern. Im Vorfeld des FEMALE FUTURE FORCE DAY haben wir mit der Grünen-Politikerin über die Themen Digitalisierung, Förderung von Gründerinnen und über den aktuellen Status quo der weiblichen Startup-Szene gesprochen.

Frau Pop, als Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe haben Sie natürlich auch die Berliner Startup-Szene im Auge. Wie beobachten Sie selbst den Anteil der Gründerinnen? Was bewegt sich da in der letzten Zeit?

„Wir brauchen immer noch mehr Gründerinnen, aber der Aufholprozess hat begonnen. Dem Deutschen Startup Monitor zufolge steigt der Anteil von Gründerinnern in deutschen Startups das dritte Jahr in Folge auf nunmehr 14,6 Prozent. Der Berliner Startup Monitor gibt sogar an, dass der Anteil von Gründerinnen in Berlin im bundesweiten Vergleich mit 16,2 Prozent noch höher liegt. Im allgemeinen Schnitt ist der Anteil von Frauen am Gründungsgeschehen mit rund einem Drittel aber noch viel zu gering.“

Worin sehen Sie die größten Hürden für Gründerinnen? Gibt es hier Aspekte, die Männer bei der Unternehmensgründung weniger betreffen?

„Wirtschaft allgemein und Unternehmensgründung im Besonderen findet nicht außerhalb unserer gesellschaftlichen Prägung statt. Demnach sind Unternehmerinnen in der Regel auch stärker in die Familien- und Hausarbeit eingespannt. Hinzu kommt, dass gerade in der Wirtschaft die oberen Etagen und die dominierenden Netzwerke noch stark männlich geprägt sind – das muss und darf aber nicht so bleiben. Mein Ziel ist: Jede Frau, die sich selbstständig machen möchte, sollte dies auch tun können und dabei keine anderen Schwierigkeiten haben müssen als jeder Mann in vergleichbarer Situation.“

Wie gestalten sich dabei die externen Faktoren, beispielsweise in Bezug auf die Finanzierung?

„Darüber gibt der diesjährig erstmals erhobene Female Founders Monitor Aufschluss. Dieser hilft, die Situationen und Herausforderungen für Frauen in Startups besser zu analysieren und zu verstehen. Laut dem Female Founders Monitor sammeln beispielsweise gemischte Teams im Bereich Startups am häufigsten externes Kapital. Im Verhältnis dazu finanzieren Frauenteams ihre Startups häufiger über eigene Ersparnisse oder Bankdarlehen. Wir haben in Berlin ein gut funktionierendes Kleinkreditprogramm, den Mikrokredit, der auch geringen Kapitalbedarf unkompliziert bedient und somit vielen Frauen den Start erleichtert. Männerteams dagegen profitieren öfter von Business Angels oder VCs. Reine Frauenteams erhalten im Vergleich zu reinen Männerteams also seltener externes Kapital.“

Wie erklären Sie sich das?

„Frauenteams nutzen externe Finanzierungen auch deshalb seltener, weil sie vor allem schnell profitabel und unabhängig werden wollen – auch dies ist eine Erkenntnis des Female Founder Monitors. Männerteams stellen hingegen oft die Produktentwicklung und ein schnelles Unternehmenswachstum in den Vordergrund.“

„Erst wenn wir ebenso viele weibliche wie männliche Vorbilder haben, sind wir der Geschlechtergerechtigkeit deutlich näher gekommen.“

Was sind Ihrer Meinung nach die Bereiche, Themen und Perspektiven, bei denen wir gerade Unternehmerinnen brauchen?

„Wir brauchen überall – in allen Branchen und Disziplinen – Frauen, die sich aktiv einbringen und somit die Wirtschaftslandschaft nicht den Männern überlassen, sondern unter Einsatz vielfältiger Kompetenzen gemeinsam den Standort Berlin nach vorne bringen und gestalten. Besonders im IT- oder Software-Bereich sehen wir jedoch ein großes Potenzial für weibliche Gründerinnen. Ein Beispiel: Algorithmen haben immer mehr Einfluss auf unser Leben. Sie werden von Menschen programmiert, also spiegeln Algorithmen die Sichtweisen ihres Programmierers wider. Da diese größtenteils männlich sind, sind auch die Algorithmen männlich geprägt. Oft werden in der Technikentwicklung so auch antiquierte Geschlechterrollen reproduziert. Umso wichtiger ist es für die IT-Branche, dass mehr Frauen partizipieren.“

Und in welchen Bereichen sind Frauen dagegen häufiger vertreten?

„Frauen engagieren sich vergleichsweise oft im Bereich des ‚Social Entrepreneurship‘, bei dem gesellschaftliche Ziele auf unternehmerischem Weg verfolgt werden. Diesen Ansatz möchten wir unbedingt unterstützen und sind dazu im Gespräch mit der IBB mit dem Ziel, unsere Förderprogramme für Social Entrepreneurs zu öffnen.“

Mit der Initiative „Projekt Zukunft“ setzen Sie sich aktiv für die Förderung von Informations- und Kommunikationstechnologien, aber auch für die Kreativwirtschaft ein. Warum sehen Sie hier besonderen Handlungsbedarf?

„Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind der Schlüssel für wettbewerbsfähige Industrien, hochwertige Arbeitsplätze und optimale Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die Kreativwirtschaft ist mit ihrer großen thematischen Breite eine der wichtigsten Impulsgeberinnen für neue Lösungen. Durch die enge Verzahnung beider Bereiche in Berlin – IKT und Kreativwirtschaft – ist die Hauptstadt der optimale Nährboden für Innovationen. Die fortschreitende Digitalisierung wird Wirtschaft und Gesellschaft künftig noch stärker prägen. Hier greift ‚Projekt Zukunft‘, unsere Landesinitiative zur Förderung der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Medien- und Kreativwirtschaft mit ihren vielfältigen Aktivitäten ein. Basierend auf den Bedürfnissen der Branchen ist sie der Treiber der Digitalisierung, des digitalen Wandels und der Förderung von Innovation und Vernetzung der digitalen Wirtschaft, der Medien- und Kreativwirtschaft.“

Sie sprachen bereits das Thema Digitalisierung an: ein Bereich, der immer noch sehr männerdominiert ist. Wo sehen Sie hier die Gründe für den extrem langsamen Wandlungsprozess? Fängt es vielleicht bereits damit an, dass Mädchen noch immer viel zu oft das natürliche Interesse an Technikthemen abgesprochen wird?

„Wichtig ist, dass wir so früh wie möglich Interesse und Neugier bei Mädchen wecken und dieses dann auch fördern. Initiativen wie der Minicomputer für Schülerinnen und Schüler können dabei enorm hilfreich sein. Umso wichtiger für den beruflichen Werdegang sind aber auch positive Rollenbilder. Erfolgreiche Frauen sollten daher öfter als bisher in der Öffentlichkeit stehen und somit von anderen Mädchen und Frauen wahrgenommen werden können. Erst wenn wir ebenso viele weibliche wie männliche Vorbilder haben, sind wir der Geschlechtergerechtigkeit deutlich näher gekommen.“

„An unserer wirtschaftlichen Dynamik müssen Frauen wie Männer gleichermaßen teilhaben und mitwirken.“

Es gibt aber auch immer wieder Beispiele für erfolgreiche Frauen in der Tech-Szene. Was eint diese Frauen, was macht sie so erfolgreich und was können unsere Leser*innen oder Frauen, die sich für diese Bereiche besonders interessieren, von diesen Frauen lernen?

„Zum Glück gibt es diese erfolgreichen Vorbilder und zum Glück haben wir davon in Berlin besonders viele – inzwischen auch im Startup- und Tech-Bereich. Lernen können Frauen hier ganz verschiedene Dinge, das hängt ja jeweils von der individuellen Lebenssituation und der Branche ab. Aber diese Beispiele machen auf jeden Fall Mut und inspirieren Frauen dazu Gründerinnen zu werden. Denn sie zeigen, dass es machbar und auch finanziell lohnend ist, sich als Frauen in männlich dominierte Wirtschaftsbereiche vorzuwagen.“

Sie unterstützen auch Netzwerk- und Inhalte-Veranstaltungen, bei denen sich speziell Frauen treffen. Warum sind solche Veranstaltungen aus politischer Perspektive so wichtig?

„Es ist wichtig, die Vielfalt und Kompetenz der Unternehmerinnen in Berlin sichtbar zu machen und explizit zu würdigen. Dies machen wir zum Beispiel mit dem Berliner Unternehmerinnentag und der Prämierung einer ‚Berliner Unternehmerin 2018/2019‘. Diese Veranstaltung zeichnet sich auch dadurch aus, dass man in den verschiedenen Gesprächsrunden und Vorträgen offen und unterstützend miteinander umgeht und so eine solidarische und inspirierende Atmosphäre entsteht, aus der die Frauen dann gestärkt in den beruflichen Alltag zurückkehren.

Aber noch wichtiger ist hierbei, dass sich über Veranstaltungen wie diese oder über Netzwerke unterschwellig die Erkenntnis festsetzt, dass es viele erfolgreiche Unternehmerinnen geschafft haben, jede auf ihre eigene Art und Weise. Das ist ein starkes Signal! Auch die Teilnehmerinnen des FEMALE FUTURE FORCE DAY und die FFF-Community sind herzlich dazu eingeladen, an unserem Wettbewerb zur ‚Berliner Unternehmerin 2018/2019‘ teilzunehmen. Unser 9. ‚Berliner Unternehmerinnentag‘ findet am 2. November im Ludwig-Erhard-Haus der IHK statt.“

Sie machen sich seit Jahren stark für Gründerinnen und auch die Digitalisierung steht bei Ihnen in diesem Jahr besonders im Fokus. Welche Ziele sind ihnen in der kommenden Zeit auf beiden Ebenen wichtig?

„Die strategische und umfassende Bearbeitung der Chancen und Herausforderung der Digitalisierung ist für uns zentral. Dies ist eine senatsübergreifende Aufgabe, für die ich werbe. Berlin nutzt seine Kompetenzen und Potenziale, um sein Profil als moderner Standort für Industrie sowie für Dienstleistungen und Handwerk zu schärfen. Dazu gehört vor allem die Frage, wie wir die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen und umsetzen können.

An unserer wirtschaftlichen Dynamik müssen Frauen wie Männer gleichermaßen teilhaben und mitwirken. Ziel ist, künftig noch mehr qualifizierte, engagierte und mutige Frauen in verantwortungsvollen Positionen zu sehen – sei es als Geschäftsführerin, Aufsichtsratsmitglied oder Unternehmerin.“

Vielen Dank für das Gespräch.

Fotocredit: Wolf Lux

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